Blook "Osrath: Das Herz der Stadt"

Dezember 22, 2009

Ausblick II

Einsortiert unter: Romantext — derdolge @ 11:21 vormittags

“Was suchst du da? Das selbe wie immer?”

Gorim war über den den Anzeigeschirm eines kleinen Terminals gebeugt und hatte eine Suchanfrage gestartet. Er erkannte die Stimme desjenigen, der ihn ansprach. Ohne sich umzudrehen, antwortete er: “Ja. Keine Ahnung, warum ich das immer wieder versuche. Keine Antwort auf meine Anfrage. Ich weiß noch nichtmal, wer das sein soll, aber das ist eine Spur, die ich habe. Meine Nachrichten werden nicht beantwortet, nichts passiert.” Müde schlug er mit der flachen Hand auf den verschweißten Kasten des Terminals.

Jeder Osrathi hatte Zugang zu diesem System und konnte es verwenden, um sich zu bilden, kleine Texte zu lesen oder mit Freunden und Verwandten in Kontakt zu bleiben, die in einer der anderen Ebenen lebten. Eines Tages hatte Gorim eine Nachricht erhalten, in der ihn jemand fragte: “Mika. Erinnerst du dich?” Der Absender war anonym geblieben und auch die Bitte Gorims an den verantwortlichen Techniker, für ihn herauszufinden, wer derartige Nachrichten schrieb, blieb ohne befriedigende Antwort.

Seitdem hatte er fast jeden Tag unterschiedlichste Suchanfragen gestartet, die ihm erklären sollten, wer oder was Mika war. Eines Tages war eine Nachricht eingetroffen, deren Inhalt ihn offenbar davon abbringen sollte, die Suche fortzusetzen, doch dies war das einzige, was ihn scheinbar mit seiner Vergangenheit verband – die Frage “Erinnerst du dich?” hämmerte immer wieder in seinem Kopf. Alles war weg, er musste die einfachsten Hilfsarbeiten erledigen, weil ihm nur sein Name geblieben war, nicht einmal seine Ausbildung – um was auch immer es sich dabei handelte, war ihm eine Stütze. Immer wieder hatte er sich versetzen lassen in der Hoffnung, eine Arbeit zu erhalten, die ihm leichter von der Hand ginge als alles andere, die ihm einen Hinweis darauf liefern konnte, was er früher getan hatte. Nun war er schon Kohleschaufler, Kesselputzer, Maschinenschmierer und Lagerarbeiter gewesen – und nirgends auch nur ein Funken Erinnerung.

Er spürte eine Hand auf seiner Schulter. “Wir gehen dann noch eine Runde schwimmen, willst du mitkommen? Irgendwie bekommen wir dich da schon reingeschmuggelt.” Gorim malte sich das diebische Grinsen im Gesicht seines Freundes aus und musste unwillkürlich auch selbst lächeln. “Alles klar, geht schonmal vor, ich muss noch mein Zeug holen. Treffen wir uns vor dem Einlass?” In Wirklichkeit hatte er ohnehin vor, schwimmen zu gehen und sogar eine Stunde seines Freizeitkontos belastet, um sich die Entspannung zu gönnen. Wer so niedere Arbeiten verrichtete wie er, dem war ein wenig Zeit zum Abspannen nur selten gegeben.

Während er weitersuche, rekapitulierte er, was er überhaupt über sich selbst wusste. Man hatte ihm gesagt, dass er bei einem schweren Unfall in einer anliegenden Ebene beteiligt gewesen sei. Ihn treffe zwar keine Schuld, aber aus Geheimhaltungsgründen dürfe man ihm nicht erzählen, was sich genau zugetragen hatte. Man gab ihm das Gefühl, dass sein Gedächtnisverlust ein nur allzu willkommener Umstand sei. Von Freunden hatte er dann erfahren, dass es sich um keine seltene Krankheit handelte – offenbar gab es einige Anlagen, die mit Chemikalien arbeiteten, die bei einer Vergiftung derartige Folgen haben konnten. Weitere Gerüchte und Geschichten vom Hörensagen wurden Gorim zugetragen, aber er hielt meist nicht viel auf sie und glaubte auch kaum, dass ihm wilde Theorien helfen würden.

Wenigstens hatte er nach Wochen der Einsamkeit, in der sich keiner mit ihm abgeben wollte, überhaupt ein paar Freunde gefunden, denen er sich anvertrauen konnte. Sie hatten immer wieder am gleichen Tisch gesessen und waren schließlich ins Gespräch gekommen. Banal und alltäglich wie beinahe alles in Osrath hatte es sich ums rasieren gedreht: “Ich glaube, die Klingen sind mit Absicht so stumpf, damit es keiner  zu einfach hat, sich die Pulsadern aufzuschlitzen.” hatte er in die Diskussion eingeworfen und damit einige Lacher geerntet. Ein paar witzige Bemerkungen gingen hin und her und man sah am verstohlenen Augenzwinkern, dass sich Menschen getroffen hatten, die auf einer Wellenlänge lagen. Es stellte sich heraus, dass einer der Männer sogar im gleichen Bereich arbeitete wie Gorim – damals noch im Heizraum. Saiban war ein großspuriger Aufschneider, der die anderen immer wieder mit ganz offensichtlich erfundenen Weibergeschichten beigeisterte – aber auch er schien zu wissen, dass sie ihn durchschaut hatten und so gab er sich schließlich gar keine Mühe mehr, nicht allzusehr zu übertreiben. Dennoch erzählte er immer so, als wäre er es höchstpersönlich gewesen, der sich ständig in der Umkleide der Frauen versteckte und dann  jene beglückte, die als letzte ging.

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