Blook "Osrath: Das Herz der Stadt"

Dezember 16, 2009

Ausblick

Einsortiert unter: Romantext — derdolge @ 1:52 nachmittags

Tief unter der Erde lag Osrath. Wer es einst schuf und woher seine Bewohner stammten, wusste keiner mehr. Nie sah man einen Strahl der Sonne, nie verirrte sich jemand von außerhalb in die düsteren Gänge der zwanzig Ebenen. Kein Freund trieb jemals mit der Stadt Handel und kein Feind sah jemals ihre Macht.

Verirrten Geistern gleich schlichen die Menschen durch die Tunnel und arbeiteten an der Perfektion der Stadt – sie wurden nur gebraucht, um das Erreiche immer wieder neu zu formen und am Leben zu erhalten. Titanische Maschinen zogen sich über mehrere der Ebenen und gaben mit ihrem Brummen, Scharren, Quietschen und Hämmern den Takt an, eine melodielose Musik, die vom Anfang aller Zeiten bis ans Ende aller Zeiten gleich spielen sollte.

Wehe dem, der außer Takt geriet. Menschen wurden gehalten, gezüchtet und verwertet wie Vieh – wer keine Leistung mehr brachte, wurde entsorgt. Es gab keine Gräber für die Toten, ihre Körper wurden nicht verscharrt und ihr Andenken nicht gepflegt: Wer starb, war vorbei, hörte auf zu existieren und wurde vergessen.

Trotzdem stand der Arbeiter jeden Morgen auf, wusch sich am kleinen Stahlwaschbecken und begann mit der Rasur.

Das Essen wurde in großen Speisesälen gefasst, zwanzig Mann an einem Tisch, alle die selbe Speise. Zäher grauer Brei quoll in den Schüsseln der Menschen und in ihren Köpfen, wurde mit jedem Löffel fader und zog, wenn man ihn zu sehr beachtete, Fäden. Der Schmutz der Arbeit wurde nach dem Tag in großen Duschräumen abgewaschen, alle standen nackt und bloß unter dem trüben Wasser, dass müde aus den Leitungen plätscherte und nie wirklich warm wurde.

Ohne nach links und rechts zu schauen, holte der Arbeiter seine Mahlzeit ab und setzte sich, in der Schüssel schwappte der Brei, der nie gleich war, sondern jeden Tag unterschiedlich grau und unterschiedlich zäh. Es gab eine Scheibe harten Brotes dazu.

Am Abend bezog man wieder sein Quartier, dass man sich mit drei oder fünf anderen teilte, löschte das Licht und stand am nächsten Tag auf. So hatte man es gelernt. Kinder durften nur mit Erlaubnis gezeugt werden, wurden den Eltern bald weggenommen und gemeinsam zu guten Arbeitern erzogen. Wer schlau und zäh genug war, durfte auch andere Berufe lernen, doch das traf unter hundert Sprösslingen auf fünf zu.

Der Arbeiter hatte fertig gespeist und trottete träge der Schlange jener hinterher, die ihre Schüsseln zurückgaben. Er stellte das Gefäß aufs Band und folgte jenen, die Ausgang C-2 zustrebten.

Überwacht wurde all dies von Tilia, einer Art wohlwollender Dea ex machina, die über Lautsprecher oder Terminals zu jedem Arbeiter sprechen konnte. Sie entschied über fast alles in Osrath und sorgte dafür, dass jeder das hatte, was er zum Überleben brauchte. Arbeitslosigkeit oder Armut existierten nicht, Verbrechen beinahe nicht. Auch für Abwechslung war gesorgt: In der freien Zeit konnte jeder Einwohner der Stadt bestimmten Tätigkeiten nachgehen, so gab es Badeanstalten, Musizierkreise oder Boxställe.

Wie jeden Morgen hielt der Arbeiter seine Marke, die unter die Haut am Handgelenk eingelassen war, an einen Sensor vor der Ausgangspforte und trottete sogleich weiter, nachdem er das Signal erhalten hatte. Ihm taten es hunderte gleich.

Jede Ebene Osraths durchmaß eine Höhe von etwa 30 Metern, darin konnten Zwischenböden eingezogen werden, große Räume – wie der Speisesaal – wurden aber offen gelassen. Überall existierten Lüftungsschächte, Transportleitungen, Wasser-, Dampf- und Ölrohre, die sich als feinspinstiges Netzwerk durch alle Ebenen zogen. Zugang erhielt man nur zu bestimmten Ebenen, wer am falschen Ort erwischt wurde, musste mit harten Strafen rechnen.

Am Eingang zu seiner Produktionshalle zog sich der Arbeiter um – er entledigte sich seines groben Anzugs und stieg in einen gelb gummierten Schutzmantel, der ihn vor der Umgebung schützen sollte und die Umgebung vor ihm. Dann ging es ans Werk: Große Kessel putzen, montieren, füllen und leeren. In ihnen wucherten Pilze, aus denen die Nahrung hergestellt wurde, die man den Osrathi auftischte. Keiner von ihnen wusste genau, welche Zusatzstoffe und welche Behandlung schließlich dafür sorgten, dass der unausstehliche Geruch, dem man sich an diesem Arbeitsplatz ausgesetzt sah, nicht weiterhin Bestand hatte und man den Fraß ohne Erbrechen herunterwürgen konnte.

Sicherlich gab es auch andere Orte, an denen Nahrungsmittel produziert wurden: Gläserne lichtdurchflutete Tanks, in denen Algen und essbare Tange wuchsen, gewaltige Arborethen, in deren hell erleuchteten Hallen Pflanzen auf künstlichen nährstoffgetränkten Kissen wuchsen und Ställe, in denen Vieh gezüchtet wurde, wie man es auch bei den Menschen kannte. Viel von diesen wundersamen “echten” Speisen bekam man als gewöhnlicher Arbeiter aber nie zu sehen. Schon an einem solchen sauberen Ort helfen zu dürfen, war eine große Gnade, war es doch praktisch ein Geschenk im Vergleich zu den Erzgruben, Schmelzöfen, Leichenverbrennungsanlagen, Waffenschmieden oder Maschinenhallen.

Nach zwölf Stunden schweißtreibender Arbeit mit kurzten Pausen zog sich der Arbeiter wieder aus, war unter dem gummierten Mantel nur noch zur hälfte Mensch und zum Rest schon im eigenen Saft gesotten. Er warf die Kluft auf den Haufen für die Wäsche und freute sich auf die Dusche.

Beim Ausziehen stieß ihn eine Frau an und fragte: “Na, Gorim, irgendwelche Erinnerungen zurückgekehrt?”

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