Blook "Osrath: Das Herz der Stadt"

September 13, 2009

Ohne Rast und ohne Ruh’ Teil III

Einsortiert unter: Uncategorized — derdolge @ 11:12 nachmittags

Meister Uzgdan hatte einige Zeit versucht, andere Mitglieder des Rates auf seine Seite zu ziehen, doch diesem Unterfangen war kein Glück beschieden. So wandelte er in Gedanken versunken durch den Turm der Mechanisten, wich dabei immer wieder den Angehörigen des Ordens aus, die sich durch lange blau-weiße Gewänder auszeichneten. Einige von ihnen trugen komplexe Geräte durch die Gänge und Treppen, andere durften die Aufzüge nutzen, um schwere Maschinen und Mechaniken in die Werkstätten und Laboratorien zu bringen.

Alle von ihnen trugen das Mechanistenszepter, die zeremonielle Waffe. Dieser stabförmige Apparat wies am Ende eine Verdickung auf und wirkte damit wie eine Keule. Soweit Shmul jedoch wusste, ging seine Funktion weit darüber hinaus. Mit der Energiezelle am Gürtel des Mechanisten verbunden, verwandelte sich das Szepter in ein wie tausend Bienen summendes Monstrum, das in der Lage war, selbst den stärksten Gegner mit einer bloßen Berührung in die Knie zu zwingen. Einmal hatte Shmul mit angesehen, wie ein Einbrecher, von einem Mechanisten überrascht und mit der Waffe erwischt, zur Unkenntlichkeit verbrannte, während er sich zuckend am Boden wand.

Er schüttelte den Kopf und versuchte, das Bild wieder zu verdrängen, ließ es doch die Menschen, mit denen er jeden Tag zu tun hatte, in einem anderen Licht erscheinen. Der Orden der Mechanisten hatte eine mächtige Kirche in Osrath errichtet. Ihnen war es vergönnt, in den Geheimnissen der Mechanik, Elyktrik und Chymie eine umfassende Ausbildung zu erhalten und diese für das Wohl des Volkes einzusetzen. Reparaturen von Geräten und Auskünfte über Neuerungen und Segnungen verschiedener Apparate führte der Orden kostenlos durch. Nur, wer sich als würdig erwies, den Versuchungen, die die Technik mit sich brachten, zu trotzen, durfte sich intensiver mit ihren Geheimnissen beschäftigen. Während die Mechanisten draußen in der Stadt nur selten zu sehen waren, hielt sich offenbar der Großteil hier im Turm auf. Warum sie die Öffentlichkeit so scheuten, war Shmul nie ganz klar geworden, aber er hatte auch nie danach gestrebt, in den Orden aufgenommen zu werden, auch wenn dies viele Möglichkeiten im Rat eröffnet hätte. Von den Hinterbänken kam man eigentlich nur weg, wenn man mindestens Laienmitglied der Kirche war.

Ihm war die Ergebenheit der Mechanisten vor der Technik nicht geheuer – sie sahen sich als fleischlich unperfekt deutlich unterlegen und wollten trotzdem noch ihren Teil zur Verbesserung der maschinellen Perfektion beitragen. Seine Freunde hatten viel Energie investiert, ihn zu überzeugen, sich dem Orden anzuschließen. Doch Shmuls Sturheit in dieser Beziehung war unter seinen Bekannten schon fast sprichwörtlich geworden.

Was seinen Dickschädel anging, so wollte er sich diesmal selbst beweisen, dass er seinen Prinzipien treu blieb. Er war unterwegs zu einem Verwalter der Wohneinheiten, der seinerseits wiederum gute Kontakte zu weiteren Ratsherren und –frauen hatte. Er schlenderte durch die in sanftem Blau gehaltenen Gänge und grüßte ab und an einen Bekannten oder einen Höhergestellten. Im Kopf legte er sich bereits die Worte zurecht, die er nutzen wollte, um sein Anliegen vorzutragen.

Als er an der Tür des Verwaltungsbüros ankam, traute er seinen Augen nicht: Sein Freund war gerade dabei, das Namensschild von der Tür zu entfernen. Sein Gesicht sprach Bände. Als er Shmul erblickte, schüttelte er nur traurig den Kopf und meinte: „Wir reden vielleicht später, im Moment kann ich dir nicht helfen. Versuchs doch mal bei Tjela oben.“. Er wies mit dem Daumen auf die Treppe.

Nach dem Gespräch mit Tjela war Shmul sich sicher, dass er sich Teraminas endgültig zum Feind gemacht hatte. Sie hatte Tjela persönlich angeordnet, keine Gespräche mehr mit Shmul zu führen. Sie konnte ihm nur raten, das Ganze eine Zeitlang auf sich beruhen zu lassen und die stellvertretende Vorsitzende nicht noch weiter zu reizen. Da kam auch schon der Diener der Teraminas durch die Tür und klopfte aufdringlich mit dem Knöchel des Zeigefingers auf den Tisch. Er schlug Shmul vor, sich doch einfach ein paar Tage freizunehmen.

Shmul kochte. Er war immerhin Ratsherr – man hatte ihn mit Meister anzusprechen, verdammt nochmal. Was nahm sich dieser aufdringliche Kerl heraus, ihm einen Urlaub vorzuschlagen! Er konnte ihn nicht einmal rügen, weil Teraminas ihn sicherlich in Schutz nehmen würde. Er verwarf den Plan, Leute im Rat für seine Seite zu gewinnen und überlegte, wirklich eine Pause einzulegen. Sobald die Entscheidung über die Umsiedlung getroffen und ausgeführt war, denn er hatte noch nicht aufgegeben. Es ging um immerhin zweitausenddreihundert Arbeiter, die über kurz oder lang auf der Straße sitzen würden. Er rief seinen Diener Samuel zu sich und gab ihm entsprechende Instruktionen.

Natürlich war Shmul nicht immer schon Ratsherr gewesen. Er hatte zu Anfang auch nicht auf einen solchen Posten hin gearbeitet. Früher war alles anders, selbst seine große Leibesfülle und das schüttere Haar hatte er sich schwer erarbeiten müssen. Stolz war er, das gab er gern und oft zu, in der Regierung einen solchen Platz einzunehmen und für viele Fragen des Wohnungsbaus und der Stadtplanung die Verantwortung zu tragen. Doch andererseits rieb er sich schon seit einiger Zeit ständig mit anderen Abgeordneten und schien immer öfter den Kürzeren zu ziehen. Gern schwelgte er in Erinnerungen, die ihm vor Augen führten, dass früher nicht nur alles anders, sondern auch besser war.

Shmul war nie ein besonders fleißiger Schüler gewesen, oft träumte er im Unterricht vor sich hin und folgte den Anweisungen der Lehrer halbherzig oder weilte während seiner Arbeit im Geiste in anderen Welten. Das sollte aber nicht heißen, dass er ein schlechter Schüler gewesen wäre: Oft verblüffte er Schulkameraden und Ausbilder mit intelligenten Antworten und zeigte tiefgründige Einsichten, die von Kindern seines Alters nie gefordert worden wären.

Besonders gern verbrachte er seine Zeit mit Nachbarskindern und erforschte im Spiel Situationen, die sie in der Schule besprochen hatten. Sie diskutierten lebhaft über die besten Strategien, mit einem Elfenangriff fertig zu werden, erlebten auf selbst gebauten Spielbrettern historische Schlachten um die Stahlkuppel wieder und erklärten voller Selbstvertrauen, das Problem mit Untoten und Ratten gäbe es unter ihrer Herrschaft niemals. Jedes mal brach Shmul aus seiner Träumerei aus und nahm rege Teil an diesen virtuellen Szenarios. Hier brillierte er mit geschliffenen Reden und schaffte es meist, die anderen Kinder von seiner Meinung zu überzeugen. Dass sich unter Stress seine Fähigkeit, frei zu sprechen, extrem verschlechterte, sollte sich erst viel später zeigen.

Aber auch schlechte Seiten hatte das Leben damals: Er war oft krank, litt an einer Unverträglichkeit, die es der Familie aufbürdete, Schulden einzugehen, um frische Nahrungsmittel eintauschen zu können. So manches Mal fragte er sich, wie seine Eltern sich damals diese Sonderernährung leisten konnten. Frischnahrung war schon in der Zeit, in der er im Rat saß, eines der höchsten Privilegien, wurde als begehrte Handelsware getauscht und brachte mehr Profit als exotischste Drogen.

wordcount: 1091

Hinterlasse einen Kommentar »

Es gibt noch keine Kommentare.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Theme: Silver is the New Black. Bloggen Sie auf WordPress.com.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.