Gorim nickte, streckte ihr die Hand entgegen und meinte: „Mein Name ist Gorim. Wer bist du? Und … du hast meine Frage nicht beantwortet – wie lange bin ich schon hier?“
Sie ergriff seine Hand sanft und erwiderte: „Kolakri. Ich meine, ich heiße Kolakri Sternenband, ich weiß, ein ungewöhnlicher Name. Ich wollte nicht sofort damit herausplatzen, um dich nicht zu beunruhigen: Du bist seit einer Woche hier. Du hattest hohes Fieber, da haben wir es für besser befunden, dich schlafen zu lassen. Keine Sorge, ich war die einzige, die dich gewaschen hat, meine Schwestern durften dir nur Essen einflößen und sich um deine Verletzungen kümmern.“ Sie kicherte mädchenhaft.
In diesem Augenblick wurde die Tür erneut geöffnet und Gorim sah zwei weitere junge Frauen, die erstaunt in das Zimmer blickten. Die eine rief verblüfft: „Er ist wach! Wie hast du denn das geschafft ‘Lakri?“ Sofort schob die zweite Frau – die Ähnlichkeit mit Kolakri war verblüffend, es mussten Drillinge sein – ihre Schwester in den Raum.
Offenbar sehr zu Kolakris Unmut: „Raus mit euch beiden, ich habe doch gesagt, keiner soll ihn stören. Na gut, er ist wach, ihr habt ihn gesehen, und jetzt verschwindet!“ Drohend erhob sie sich wieder von der Bettkante und ging mit erhobener Hand zwei Schritte auf die Eindringlinge zu. Diese wichen kichernd zurück, liefen aus dem Zimmer und schlossen die Tür. Von draußen hörte man sie aufgeregt miteinander sprechen.
„Verzeih mir meinen Ausbruch, aber wenn du schon dein ganzes Leben mit diesen … Hühnern verbracht hättest, wüsstest du ein wenig Ruhe auch zu schätzen.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und meinte in einem ähnlichen Befehlston wie vorher zu ihren Schwestern: „Und jetzt leg dich wieder hin, ich bringe dir etwas zu essen.“
Später erfuhr Gorim, dass diese Frauen wirklich Drillinge waren – eine schwere Bürde in Osrath. Die zuständigen Behörden wussten zwar um die Existenz von Suomia und Skalina Sternenband, doch wurde es nicht gern gesehen, wenn sich mehr als eine der drei Schwestern gleichzeitig öffentlich blicken ließ. Sie erhielten offiziell auch nur Rationen und Arbeit für eine einzelne Person, wenn es wohl mittlerweile einen wohlhabenden Förderer gab, der ihnen insgeheim das Nötigste zukommen ließ. Was er von den hübschen jungen Frauen als Gegenleistung erhielt, traute sich Gorim nicht zu fragen. Die Sternenband-Schwestern halfen einander wo sie nur konnten, doch da ihre Mutter sich vor der Niederkunft nicht eingehend hatte untersuchen lassen, war nur Kolakri amtlich gemeldet, während die anderen beiden die Wohnung nur selten verließen.
Einige Tage später war Gorim wieder halbwegs auf den Beinen – seine Wunden waren fast verheilt und Kolakri hatte es sogar fertig gebracht, einen Straßenfeldscher aufzutreiben. Dieser bleckte seine braunschwarzen Zahnstummel zu einem üblen Lächeln, als er seinen Patienten zum ersten Mal erblickte und machte ein paar anzügliche Bemerkungen, doch als dies keine Reaktion seitens „Frollain Stärnenband“ hervorrief, ging er sofort zur Arbeit über. Nicht allerdings, ohne dabei einen kleinen Schwatz mit Gorim zu versuchen.
„Wo ham die drei Hübschen dich denn uffjerissen, Bürschchen?“ In seinem Alter durfte er wohl fast jeden mit Fug und Recht „Mein Junge“ oder „Kleiner“ nennen, weshalb Gorim nicht protestierte.
Er beobachtete den Wundlecker bei seiner rituellen Waschung und entgegnete nur geheimnisvoll, im Scherz: „Wenn ich Ihnen das sagen würde, müsste ich Sie töten.“
„Dann lass mal jut sein, Kleener. Ick hab ooch schon so einje jefallene Jungs wieder uff de Beene jebracht, da wird das bei dir det reenste Zuckerschlecken.“
„Sie sprechen einen bemerkenswerten Symbionten-Dialekt, woher stammen Sie?“ versuchte Gorim das Thema zu wenden. Der Feldscher reagiert nicht weiter, begann stattdessen, die weitestgehend abgeheilten Wunden zu inspizieren.
„Weeste, als ick des erste Mal hier war, haste noch Eiter jeblutet, jetze musste mir nich mit Beleidjungen kommen.“ Wie um seiner Ermahnung Nachdruck zu verschaffen, drückte er mit der Fingerspitze in den Verlauf der größten Schramme auf Gorims Brust und dieser keuchte vor Schmerz auf, biss aber schnell die Zähne zusammen, um sich keine Blöße zu geben.
„Ich denke, Sie können sich jetzt schon wieder anziehen, Herr … Dreyhaupt war ihr Name, richtig? Ich möchte Sie bitten, noch einen Tag in der aufopferungsvollen Pflege bei den Sternenband-Schwestern zu verbleiben und sich anschließend für eben diese Pflege reichlich zu bedanken. Kommen Sie lieber nicht auf den Gedanken, mit einer der Damen etwas zu versuchen, Knochenbrüche sind nicht unbedingt mein Gebiet.“
Gorim hatte sich wieder angezogen und klappte den Mund wieder zu, dessen Kinnlade ihm angesichts des verschwundenen Dialekts heruntergefallen war. Wahrscheinlich war dies eine Marotte des Doks, um eine persönliche Beziehung zu seinen Patienten zu knüpfen. „Ich wollte Sie nicht beleidigen, Doktor. Ich habe nichts gegen die Symbionten, ich versuche eigentlich, auf ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen, ich bin Journalist. Und ich werde natürlich versuchen, die Schuld in der ich hier stehe, aufs Beste wieder gut zu machen. Gestatten Sie mir nur noch eine Frage?“
„Ja?“ antwortete der Dok misstrauisch.
“Sie haben als Jugendlicher versucht, das Ritual zu vollziehen, selber zu einem Symbionten zu werden. Sie wussten nicht, dass…“ „Nein, ich wusste es nicht. Aber ich sollte mir wohl Gedanken machen, das Mal an meinem Hals besser zu verbergen.“
„Ich werde natürlich vergessen, was ich gesehen habe, vielen Dank für ihre Hilfe. Sie waren es auch, der mir diese Verbände angelegt hat, oder? Bei allem Vertrauen in die pflegerischen Fähigkeiten der Sternenband-Schwestern, aber das war das Werk eines Wundle.. äh, eines Arztes.“
„Sagen Sie ruhig Wundlecker, ich weiß, wie die Zunft der Straßenfeldscher genannt wird. Sollten Sie einmal meine Dienste benötigen – und meine Fähigkeiten liegen vor allem im Bereich der Verschwiegenheit – dann fragen Sie Kolakri nach Dok Mortens.“ Damit war der seltsame Straßendoktor mit dem Zusammenräumen seiner kleinen Hebammentasche fertig. Ohne unnötige Worte zu verlieren, nickte er seinem Patienten zu und verließ das Zimmer wieder.
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